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Um 775: Isidorkarte


Heinhard Steiger: Die Ordnung der Welt. Eine Völkerrechtsgeschichte des karolingischen Zeitalters (741 - 840).
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2010.



"Mappa mundi" -schematische Darstellung
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Basiskonstruktion der Vatikanischen Isidorkarte
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"Die Welt, in der die Karolinger und vor allem Karl der Große ihre Beziehungen zu anderen Mächten auf- und ausbauten und normativ gestalteten und ordneten, gliederte sich in der Vorstellung der Zeit in drei Erdteile, Europa, Asien, Afrika. Die hier wiedergegebene sogenannte Isidorkarte, die nach herrschender Auffassung um 775 in einem Kloster in der Provence gezeichnet worden ist, nimmt diese alte Vorstellung auf, gruppiert jedoch in sehr entwickelter Form diese drei Erdteile um das Mittelmeer als Zentrum.[...]
Die Bedeutung der Karte liegt überhaupt nicht in einer politischen Aussage, in der Zuordnung von Reichen, regna oder imperia . Solche kommen ganz allgemein nicht vor. Vielmehr gibt die Karte die geografische Situation der Welt wieder, in deren Zentrum das Mittelmeer mit seinen Inseln liegt. Sie stellt einen für diese Zeit neuen Kartentypus dar. Üblich waren in dieser Zeit sehr schematische Darstellungen, die sogenannten T/O- Karten. Sie gründen vor allem auf Schriften des Paulus Orosius aus dem fünften und Isidors von Sevilla aus dem sechsten/siebten Jahrhundert. Diese stellten, wenn auch in Variationen, die Welt in einem Kreis dar, in dem ein T oder Antonniterkreuz die Welt in drei Teile gliederte. Oberhalb des T-Balkens, der in der Regel links den Don und rechts den Nil symbolisieren sollte, befindet sich Asien, rechts des Schaftes, der das Mittelmeer darstellte, unter dem Nil Afrika und links unter dem Don Europa. Asien war doppelt so groß wie Europa. Denn dieses reichte vom Mittelmeer und dem Nahen Osten bis nach Indien.[...]
Das ist bei dieser Karte grundlegend anders. Sie stellt die bekannte Welt in geographischer Weise dar, nach den Kenntnissen der Zeit, wenn auch weiterhin mit einem gewissen Schematismus. Die Karte selbst ist kreisrund, wird aber auch von dem äußeren Ozean in ovaler Form umgeben.[...] In der Mitte liegt das Mittelmeer mit den Inseln Sizilien, Korsika, Sardinien, den Balearen, Kreta, Zypern, und anderen, um das sich die drei Kontinente gruppieren. Im Osten, d.h. unten auf der Karte, liegt Asien, vom Mittelmeer bis nach Indien. Ganz am Rand des Kreises zum Ozean sind der Garten Eden und als eine Art Stern das Paradies eingezeichnet. In dem Ozean liegt der unbekannte vierte Kontinent. In Asien sind grundlegende Details eingezeichnet und benannt. Provinzen - Asia Minoris, Arabia, Persida caldea, Asauria pepsida, India bragmanorum, Berge - Libanon, Olymp , Flüsse - Jordan, Euphrat, Tigris, Städte - Jerusalem nahe der Mittelmeerküste, Bethlehem, und Babylon eher im Landesinneren am Euphrat gelegen. Auf der rechten Seite, also im Norden des Kreises, gibt es einen Übergang nach Europa zum Balkan, links, also nach Süden, einen Übergang nach Afrika über Ägypten. Europa ist in der oberen Bildhälfte in einem Viertelkreis am rechten Rand dargestellt. Es ist aber nicht als bloße Landmasse gezeichnet, sondern folgt in seiner südlichen Form in sehr grober Manier aber gut pointiert und erkennbar den Umrissen der drei Ausläufer, Balkan, Italien, Spanien.[...] Neben den Gebirgen, Alpen und Pyrenäen, sind auch die Hauptflüsse eingezeichnet Donau, Rhein, Loire (liger), Garonne, Rhone, Tessin, Po, Ebro .[...]
Die Karte ist also geographisch konzipiert und ausgeführt. Sie ist zwar nicht detailgetreu. Aber sie will die Wirklichkeit der Welt erfassen und darstellen, nicht eine idelle Welt, sondern die reale Welt nach dem Wissensstand und den Kenntnissen des Urhebers oder der Urheber. Sie ist also weder eine politische, noch auch eine "religiöse" Karte, die durch das Dargestellte die Mächtewelt oder religiöse Inhalte und Vorstellungen vermitteln will.[...]
Der Raum, den diese Mappa mundi abbildet, reicht von Spanien bis nach Indien, von Nordafrika bis zum Schwarzen und zum Kaspischen Meer, also weit über das Aktionsfeld der Karolinger hinaus. Aber diese umfaßte innerhalb dieser weiten Welt wesentliche Teile, ganz Europa und den Nahen Osten bis an den Euphrat, wie Einhard hervorhebt. Nur das noch weiter entfernte Indien, aber auch Afrika bleiben außerhalb karolingischer Außenbeziehungen. Dieser Raum war bis dahin aus dem Osten, Asien, oder aus dem Süden Europas, Rom und in der eigenen Gegenwart durch Konstantinopel gestaltet und geordnet worden. Mit dem karolingischen Herrschern entstand im Nordwesten Europas, aber auch auf altem römischen Reichsboden ein politisches Aktionszentrum, das in gewisse Konkurrenz zu dem im byzantischen Reich fortlebenden römischen Reich tritt und von dem in diese alten Ordnungen eingegriffen und eine Neugestaltung unternommen wird. Die Franken waren aber nicht die einzigen newcomer. Im Nahen Osten hatten sich ebenfalls auf früherem römischen Reichsboden mit dem arabischen Kalifat wenig vorher eine neue politische Macht, zudem anderen Glaubens, etabliert und dehnte sich weiter auf Kosten der alten Macht Ostrom aus. In Spanien hatte sich das ebenfalls muslimische Emirat Cordoba gebildet. Im Norden wuchs das dänische Königreich als eine neue politische Macht heran. So legte sich über die geografische Weltordnung eine Pluralität von Herrschaftsverbänden, mit denen die Karolinger in sehr verschiedener Weise Beziehungen aufnahmen und auch normativ gestalteten. Dies veränderte die alte überkommene Ordnung der Welt und schuf neue Strukturen."
Quelle : Heinard Steiger, Die Ordnung der Welt. Eine Völkerrechtsgeschichte des Karolingischen Zeitalters (741 - 840). Köln: Böhlau 2010, S. 2, 4-6

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